Kann eine 300€-Wärmebildkamera Profi-Equipment ersetzen?
Wärmebrücken finden, Heizungsrohre in der Wand aufspüren, Hotspots auf einer Platine lokalisieren – alles Aufgaben, für die man früher eine Kamera für mehrere tausend Euro brauchte. Die InfiRay P2 Pro verspricht genau das als Smartphone-Aufsatz für rund 300€. Ich habe sie über mehrere Wochen in meiner Werkstatt und am Haus eingesetzt. Hier ist, was sie wirklich kann – und wo sie an ihre Grenzen stößt.
Was steckt drin?
| Eigenschaft | Wert | Einordnung |
|---|---|---|
| Thermische Auflösung | 256 × 192 px | Für den Preis gut – Details ab ~30cm erkennbar |
| Temperaturbereich | -20°C bis 550°C | Reicht Elektronik und Gebäude. |
| Genauigkeit | ±2°C oder ±2% | Typisch für Consumer-Klasse, kein Laborgerät |
| Bildrate | 25 Hz | Flüssiges Livebild, reicht für Bewegung |
| Anschluss | Lightning / USB-C | Variante vor dem Kauf prüfen! iPhone 15/16 braucht Adapter |
| Gewicht | 18g | Kaum spürbar am Handy |
Erster Eindruck
Die Kamera kommt in einer kleinen Box mit Schutzhülle und kurzer Anleitung. Sie ist winzig – kleiner als ein USB-Stick. Einstecken, App starten, fertig. Die InfiRay-App (verfügbar für iOS und Android) erkennt die Kamera sofort.
Was sofort auffällt: Die App ist funktional, aber nicht schön. Die Menüführung ist typisch chinesische Ingenieur-Software – alles da, aber man muss suchen. Daran gewöhnt man sich nach ein paar Minuten.
📸 Foto: Unboxing-Flat-Lay (Kamera, Hülle, Verpackung auf der Werkbank)
Praxistests

Szenario: Vor dem Bohren
wollte ich wissen, wo die Heizungsrohre in einer Innenwand verlaufen.
Ergebnis: Bei laufender Heizung sind die Rohre klar als warme Linien sichtbar. Die Auflösung reicht, um den Verlauf auf ca. 5cm genau zu bestimmen. Bei ausgeschalteter Heizung: nichts zu sehen – die Kamera braucht einen Temperaturunterschied zum Hintergrund.
Fazit: Funktioniert gut, spart den Leitungssucher. Aber nur bei aktiver Heizung.

Szenario: Untersuchung von Elektronik. Ich wollte den Hotspot lokalisieren.
Ergebnis: Der Spannungsregler war klar als wärmster Punkt erkennbar – was in diesem Fall normal ist. Am Modulgehäuse sieht man, dass es reflektiert und kann keine Temperatur messen. Bei kleineren SMD-Bauteilen wird es allerdings schwierig – die Auflösung reicht nicht, um einzelne 0402-Widerstände aufzulösen.
Fazit: Perfekt für grobe Fehlersuche (welches IC wird zu heiß?). Für Debugging auf Bauteilebene braucht man die optionale Makrolinse oder eine teurere Kamera.


Szenario: Altbau, Fenster und Außenwand auf Wärmeverluste prüfen.
Ergebnis: Bei Außentemperaturen unter 5°C sind Wärmebrücken deutlich sichtbar. Fensterrahmen, Rollladenkästen und eine schlecht gedämmte Ecke traten klar hervor. Die Farbpalette „Iron“ (rot-gelb) funktioniert dafür am besten. Im Fenster erkennt man auch meine Reflektion.
Wichtig: Die Messung macht nur bei kaltem Wetter und eingeschalteter Heizung Sinn. Im Sommer bringt das nichts.
Hat der Hund wirklich immer eine kalte Schnauze, wo ist die Katze auf der Couch? Welchen Abdruck hinterlässt die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch oder Fußabdrücke auf dem Boden nach dem Aufstehen?
Wärmebilder sind einfach faszinierend und die Kamera macht einfach Spaß. Man läuft durch die Wohnung und scannt alles. Kein praktischer Mehrwert, aber genau das Content-Material, das auf Instagram funktioniert.
Was nervt?
- App-Qualität: Funktional, insgesamt ok. Manche Menüpunkte sind schlecht übersetzt.
- Kein Stativ-Gewinde: Für reproduzierbare Messungen muss man einen Handyhalter verwenden.
- iPhone-Chaos: Lightning, USB-C, Adapter – man muss genau wissen, welche Variante man braucht. Das ist verwirrend und könnte einfacher sein.
- Genauigkeit: ±2°C klingt okay, aber bei Raumtemperatur-Messungen (~20°C) ist das 10% Abweichung. Für absolute Temperaturwerte nicht verlässlich genug.
Für wen ist die InfiRay P2 Pro?
Ja, kaufen:
- Maker und Bastler, die Elektronik debuggen und gelegentlich Wärmebilder brauchen
- Smart-Home-Enthusiasten, die Heizung und Dämmung optimieren wollen
- Neugierige, die ein neues Werkzeug in der Werkstatt-Schublade haben wollen
Nein, Finger weg:
- Professionelle Gebäudethermografie (zu ungenau, keine Zertifizierung)
- Präzise Temperaturmessungen im Labor (dafür gibt es Pyrometer oder Profi-Kameras)
- Gelegenheitsnutzer, die es einmal brauchen (leihen statt kaufen)
MacGizmo-Fazit
Die InfiRay P2 Pro bietet ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und überzeugt mit guter Verarbeitung. Mit der Makrolinse ist sie fürs Elektronik-Debugging sehr nützlich.
Sie ersetzt natürlich keine Profi-Ausrüstung, aber fürs Hobby ist sie ein echter Augenöffner – im wahrsten Sinne des Wortes.
